Fritz Lang und die Murnau-Stiftung

Fritz Lang gehört neben Friedrich Wilhelm Murnau, G. W. Pabst und Ernst Lubitsch zu den Großen des Weimarer Kinos. Er gilt in vielerlei Hinsicht als Schlüsselfigur des deutschen Films und hat Filme geschaffen, die in ihrer Zeit künstlerisch und technisch neue Standards gesetzt haben. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme setzte er sein Schaffen in den USA fort. Seine bis 1929 entstandenen Filme gehören zum Filmstock der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

 

In seinem Frühwerk dominiert der Detektiv- oder Sensationsfilm. 1922 erreicht er mit dem in zwei Teilen angelegten „Zeitbild“ DR. MABUSE, DER SPIELER (1922), einem der emblematischsten Filme der Weimarer Zeit, Weltruhm. Schon zuvor hatte Lang sich mit DER MÜDE TOD (1921) den Sagen und Märchen und in DIE SPINNEN (1919) einer monumentalen Inszenierung exotischer Schauplätze zugewandt. Beides führt er in DIE NIBELUNGEN (1924) zur künstlerischen Vollendung.

 

Der internationale Erfolg lässt ihn und die Ufa die bereits beispiellosen Produktionswerte von DIE NIBELUNGEN mit METROPOLIS (1927) sogar noch überbieten. Allerdings bleibt das katastrophale Scheitern des Films für Lang nicht ohne Konsequenzen: Bei seinem darauf folgenden Film SPIONE (1928) muss er mit einem vergleichsweise geringen Budget auskommen und kehrt zum Genre seiner Anfangsjahre zurück. Mit dem Ergebnis – ein intellektuelles Spiel mit dem Spionagegenre – schafft er es, sich künstlerisch und kommerziell zu rehabilitieren. Für das anschließende Science- Fiction-Spektakel FRAU IM MOND (1929) gestattet ihm die Ufa nochmals alle kreativen Freiheiten. Die Zusammenarbeit gestaltet sich jedoch sehr konfliktreich, und auch der kommerzielle Erfolg bleibt aus. Langs Arbeit für die Ufa endete, und mit seinem ersten Tonfilm, M (1931), begann eine neue Ära.

 

Wiederholt neue Perspektiven auf Langs Werk dieser Zeit werden vor allem dadurch ermöglicht, dass inzwischen ein Großteil dieser Schaffensphase zugänglich ist. Entscheidend war in den 1980er Jahren die Wiederentdeckung und Restaurierung zweier seiner frühen Filme, DAS WANDERNDE BILD (1920) und KÄMPFENDE HERZEN (1920), durch die Cinemateca Brasileira, Sao Paulo und die Stiftung Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen, Berlin. Vor allem durch die  Restaurierungsbemühungen des Filmmuseum München in den 1980er Jahren war es möglich, viele seiner Klassiker überhaupt wieder in ungekürzter Fassung oder in neuen Editionen zu betrachten.

 

Für die Retrospektive der Berlinale im Jahr 2001, die Anlass bot, erneut die filmische Überlieferung in den Archiven zu prüfen und sich auf die Suche nach Verschollenem zu begeben, erarbeitete die Murnau-Stiftung in Zusammenarbeit mit verschiedenen Archiven verbesserte restaurierte Fassungen. Dank erhaltener Kameranegative im Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin war es möglich, gleich mehrere Filme in deutlich verbesserter fotografischer Qualität zu restaurieren:Neben den Klassikern DR. MABUSE, DER SPIELER, METROPOLIS und FRAU IM MOND auch frühe Werke, bei denen Lang noch nicht als Regisseur, sondern als Drehbuchautor tätig war: HILDE WARREN UND DER TOD (1918) und DIE PEST IN FLORENZ (1919).

 

Doch treten Wiederentdeckungen nicht immer planmäßig ein: Erst sieben Jahre später tauchen die verschollen geglaubten Szenen aus METROPOLIS auf, so dass die Murnau-Stiftung gemeinsam mit der Stiftung Deutsche Kinemathek und dem Museo del Cine Pablo C. Ducros Hicken eine weitere – erstmals annähernd vollständige – Restaurierung durchführen konnte. Mit SPIONE hatte die Murnau-Stiftung ihre Restaurierung von Lang-Filmen bereits 2004 fortgesetzt. 2005 wurde es möglich, alle noch erhaltenen Filmmaterialien von DIE NIBELUNGEN zusammenzubringen, so dass heute eine optimierte Fassung präsentiert werden kann.

 

Langs Werk liegt damit weitestgehend vollständig und in restaurierten Fassungen vor. Einige seiner frühen Filme, insbesondere diejenigen, in denen er ausschließlich als Drehbuchautor tätig war, gelten jedoch als verschollen, und von Der müde Tod wurde bis heute keine gefärbte Originalkopie gefunden. Die Suche geht weiter...

 

Anke Wilkening, Restauratorin
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung